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Wie wird man eigentlich freiberuflicher Fotograf, Herr Høgsberg?
Zu finden in Wie wird man eigentlich ... ?
Nachdem ich meinen Eintrag über Simon Høgsbergs Projekt “We’re All Gonna Die - 100 meters of existence” geschrieben hatte, kam mir die Idee ein Interview mit ihm zu führen weil mir sein Projekt und die Idee die dahinter steckt sehr gut gefallen hat. Es gab einige Fragen die ich geklärt haben wollte, zum Beispiel wie es dazu gekommen ist, dass er sein Projekt in Berlin realisiert hat. Ich habe darauf hin Simon um ein Interview gebeten und möchte dies nun hier veröffentlichen.
Simon Høgsberg wurde in in Århus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks geboren. Dort lebte er bis er 23 wurde. Zu diesem Zeitpunkt spürte er, dass er Dänemark verlassen müsse. Er ging dann für drei Jahre nach London, und absolvierte dort seinen Bachelor in Fotografie an der School of Media. Gleich nach seinem Studium (2002) ging er nach Kopenhagen und begann dort als freiberuflicher Fotograf zu arbeiten. Diesen Beruf übt er bis Heute noch erfolgreich aus.
Was war das erste Motiv das du fotografiert hast?
Simon: Ich war in der siebten Klasse. Die Schule stellte damals ein neues Programm vor. Es wurde zu verschiedenen Themen Gruppen gebildet. Die Schüler mussten sich mindestens einer dieser Gruppen anschließen. In den Gruppen wurde an Nachmittagen nach dem Unterricht gearbeitet. Eine dieser Gruppen war der Fotografiekurs. Das war dann die Gruppe die ich gewählt habe, aber nicht weil ich zu dieser Zeit schon an Fotografie interessiert war, vielmehr weil mich schlichtweg die anderen Gruppen die angeboten wurde komplett nicht interessierten.
An einen Nachmittag gab mir der Lehrer den Auftrag raus zu gehen und Fotos zu machen. Der Schulhof war, bis auf zwei weiteren Jungen aus dem Fotografiekurs, menschenleer. Da standen wir dann mit unseren Kameras und wussten nicht was wir damit anfangen sollten. Kenneth, einer der Jungen, hat dann seine Hose runter gelassen um seinen eigenen Penis zu fotografieren. Ich erinnre mich an ein kleines Würstchen und viele schwarze Haare. Er kam aus Thailand. Ich bin mir nicht sicher ob ich auch ein Foto von seinem Schniedel gemacht habe, aber wenn ich es getan habe, war das sicher mein erstes Motiv das ich fotografiert habe.
Hast du ein Vorbild?
Simon: Wenn ich eine einzige Person benennen soll, dessen Arbeit mich im hohen Maße in der Vorgehensweise zu fotografieren beeinflusst hat, würde ich den amerikanischen Schriftsteller Paul Auster nennen. Viele Personen in seinen Büchern sind sehr dickköpfig und lassen sich nicht von ihren Wegen abbringen um ihre Ziele zu erreichen, auch wenn diese Ziele nur für die Personen selbst einen Sinn machen. Für diese Figuren, egal wie verrückt die Ziele für außen stehende auch sein mögen, ist es immer eine Frage von Leben und Tod. Ich kann das sehr gut nachvollziehen.
Was war dein erstes Projekt als professioneller Fotograf?
Simon: 2002 habe ich ein dreijähriges Fotografie Studium an der School of Media in London beendet. Wochen später bin ich dann zurück nach Dänemark gegangen und begann als freiberuflicher Fotograf zu arbeiten. Das erste Projekt was ich als professioneller Fotograf realisiert habe, trug den Titel “The Thought Project”. Im Zeitraum von drei Monaten habe ich 150 Menschen auf den Straßen von Kopenhagen angehalten und jedem die selbe Frage gestellt: “Woran haben Sie in der Sekunde gedacht, bevor ich Sie angehalten habe?“. Ich habe mir die Antworten aufgeschrieben, die Personen fotografiert und eine Auswahl dieser Gedanken und Fotos auf meiner Homepage präsentiert.
Wie hat sich die Art und Weise zu Fotografieren geändert nachdem du deinen Bachelor in Fotografie absolviert hattest?
Simon: Solange ich denken kann, fühlte ich immer, wenn ich vorhatte ein Foto zu machen, ein bestimmtes Verlangen das Wesentliche aus dem was ich fotografieren wollte heraus zu saugen, egal ob es eine Landschaft oder eine Person war die ich fotografieren wollte. Ich meine damit einen romantischen (ich meine damit einen unmöglichen) aber noch entschlossenen Wunsch die Seele und das Leben aus meinem Motiv heraus zu fotografieren, auf die gleiche Art und Weise du das Leben aus einer Zigarette saugst. Dieses Verlangen hat sich in Laufe der Jahre oder speziell durch erreichen des Bachelors in Fotografie nicht geändert. Wenn ich Schönheit erlebe und sehe, fühle ich die Notwendigkeit diese zu bewahren.
Was sich in Laufe der Zeit verändert hat - und ich hoffe auch zum Guten - ist die Art wie ich die Welt betrachte und mit den Menschen agiere. Ich bin jetzt weniger verklemmt als noch vor fünf Jahren und das beeinflusst meine Art Fotos zu machen. Dadurch, dass es sich immer besser anfühlt die Welt zu lieben und es für mich immer einfacher wird auch Liebe zurück geben zu können, hat sich die Beziehung zwischen mir und den Menschen die ich fotografiere zum positiven verbessert. Ich hoffe natürlich auch, dass sich dadurch auch die Qualität meiner Bilder verbessert hat.
Welche Fotoausrüstung benutzt du heute?
Simon: Das ist eine Frage, die einfach zu beantworten ist. Ich benutze eine Canon EOS 1D Mark II digitale Spiegelreflexkamera mit einem Canon 17-40mm Objektiv, ein weiteres Canon Objektiv mit einer festen Brennweite von 50mm und noch ein Canon 100-400mm Teleobjektiv.
Woher nimmst du die Inspiration für deine Projekte?
Simon: Egal was für ein Projekt ich starte, irgendwie muss es um die großen Belange des Lebens gehen. Dazu zähle ich zum Beispiel Themen wie Identität, Tod, Unterdrückung, Liebe, Gier und so weiter. Alles Themen, mit denen Menschen sich identifizieren können und somit gut verstehen. Wenn ich bereit bin mich auf ein neues Projekt einzulassen, beginne ich darüber nachzudenken, welche großen Themen im Leben mich im Moment interessieren und warum.
Ein Beispiel vom Sommer 2007: Die Dänische Gesellschaft hatte sich selbst in ein verwöhntes Kind verwandelt. Das einzige worüber die Menschen reden konnten war, wie viel Geld sie hatten und was sie sich alles dafür kaufen konnten. Es war ekelerregend dies miterleben zu müssen. Jeder hat nur an sich selbst gedacht, was mit den anderen passierte war egal. Bevor die Immobilienblase geplatzt ist - und ich danke Gott dafür, dass es passiert ist - florierte dieses egoistische Spiel. Genau das war dann ein Motiv für mich, auf das ich aufbauen und lernte damit umzugehen zu können – in Form eines Foto-Projekts. Sonst lasse ich mich sehr selten direkt von Arbeiten anderer Fotografen inspirieren. Vielmehr gewinne ich meine Ideen aus Tendenzen in der Gesellschaft die ich als unbeliebt empfinde.
Was für eine Beziehung hast du zu Deutschland? Ich denke dabei an dein letztes Projekt “We’re All Gonna Die - 100 meters of existence”. Warum hast du dir Berlin als Schauplatz für dieses Projekt ausgesucht?
Simon: An einem Morgen in 2002 besuchte ich mit meiner Partnerin ein öffentliches Schwimmbad in Kopenhagen. Ich fühlte mich leer und war sehr unzufrieden mit der fehlenden Entwicklung in meinem Leben. Ich habe mit meiner Partnerin darüber gesprochen und ich wusste, dass eine Freundin von mir eine Wohnung in Berlin besaß, welche sie an Leute untervermietet die sie kennt.
Meine Partnerin ermutigte mich nach Berlin zu gehen um die Veränderung herbeizuführen die ich brauchte. In Berlin kaufte ich mir ein 400mm Objektiv und suchte nach langen Promenaden in der Stadt. Eines Tages fand ich mich auf der Warschauer Brücke wieder, die Gesichter der Passanten betrachtend die zur S-Bahn-Station unterwegs waren. Diese befindet sich unter der Brücke. Ich holte meine Kamera aus der Tasche und ich dachte mir: Wenn du jetzt anfängst Fotos zu schießen, wirst du wahrscheinlich genau das einfangen, was du bereits 2002 im “Private & Public“-Projekt gemacht hast, aber was wäre wenn doch nicht?
Und so wurde die Idee für das 100 Meter lange Foto geboren.
Was bringt deine Zukunft? Wie sieht dein nächstes Projekt aus?
Simon: Ich beginne zu lernen mein Engagement als Hilfsmittel zu sehen. Ich kann der Gesellschaft einen Nutzen bringen. Das ist keine hohe Wissenschaft. Ich weiß - weil ich es fühlen kann - je mehr ich der Welt von mir gebe, um so glücklicher werde ich und um so mehr respektiere ich mich dann letztendlich selbst.
Ich kann dir nicht sagen wie mein nächstes Projekt aussehen wird, einfach deswegen, weil ich es selbst nicht weiß. Aber ich habe mir immer öfter gesagt, dass es ein Projekt sein muss, was ein face-to-face Kontakt mit den Menschen beinhaltet. Denen möchte ich geben was ich kann, ohne den Hintergedanken zu haben, etwas dafür zurück bekommen zu wollen.













